Hannes Wader auf Tournee

Nach über 40 Bühnenjahren hat seine Stimme noch den vollen Klang

05.06.2009 Christa Kaddar

Hannes Wader begeistert seine Fans mit Evergreens und auch mit neuen Liedern. Zugleich beweist er sich in seinen Konzerten immer als exzellenter Erzähler.

Bei den ersten Klängen von „Heute hier, morgen dort“, gibt es immer tosenden Beifall und Jubelrufe. Das Lied, das sein Markenzeichen ist, singt er oft, wenn er die Bühne betritt, auf Deutsch und oft auch auf Englisch: „Day to day“. Hannes Wader ist 67 Jahre alt und denkt nicht an Rückzug. Seine Stimme hat nach mehr als 40 Jahren Bühnenpraxis noch den vollen Klang, seine Lieder haben Weite, die von den Klängen seiner Gitarre getragen werden. Gerade seine frühen Lieder, die Evergreens, werden besonders begeistert aufgenommen.

Jahr für Jahr geht Hannes Wader auf Tournee, steht auf Bühnen in Groß- und Kleinstädten und schon mehrmals besuchte er das Weindorf Kiedrich im Rheingau, wo ihn jedes Mal 300 bis 400 Zuschauer erwarten, zuletzt im März 2009. „Ich freue mich, mal wieder bei euch in Kiedrich zu sein“, verkündet er dem Publikum im Bürgerhaus – ein Publikum, das zum großen Teil der Generation „ü50“ angehört. Doch auch junge Menschen haben sich eingefunden, hören so aufmerksam und begeistert zu wie die „Alten“ und amüsieren sich bei einem Lied wie „Charley“. Mit „Es ist schon viele Jahre her“, präsentiert er ein Lied, das er schon länger nicht mehr gesungen hat. „Ich habe es vor 35 Jahren für meine Freundin Susanne geschrieben, doch sie fragte, ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte. Ich gebe zu, ich war damals etwas depressiv drauf und jetzt habe ich die ganz düsteren Zeilen ausgewechselt und neu geschrieben, so wie ich sie damals hätte schreiben sollen. Doch jetzt ist es zu spät, ich widme das Lied niemand mehr.“

Lieder und Anekdoten

Hannes Wader ist nicht nur ein exzellenter Liedermacher und Sänger, sondern moderiert seine Konzerte mit interessanten Geschichten und unterhaltsamen Anekdoten. Während er redet, spannt er die Saiten seiner Gitarren nach. Und dann singt er in aller Ruhe weiter. In seinem Lied vom Weißdornbusch beschreibt er den Weg zu seinem Haus, widmet dem in Wien trotz seiner Immunität hingerichteten deutschen Abgeordneten und Revolutionär von 1848, Robert Blum, eine Ballade. Er singt auch englische, französische und spanische Lieder im Original und in der Übersetzung. „Seit 40 Jahren singe ich schon ‚Les feuilles mortes’ von Jacques Prévert und ich habe mir schon am Anfang vorgenommen, dieses Lied auf Deutsch zu übersetzen“, erzählt er. „Es gibt mir ein gutes Gefühl, mein Versprechen gehalten zu haben – so prompt nach 40 Jahren.“ Mit der Selbstironie bringt er die Gäste im Saal zum Lachen, bevor er „Die welken Blätter“ vorträgt. Auch „Last thing on my mind“ von Tom Paxton hat er ins Deutsche übertragen – ein sehr emotionales Lied, in dem es um einen endgültigen Abschied geht. Sehr aufrüttelnd ist „Die Mine“. „Jährlich sterben 25.000 Menschen, weil sie auf Landminen treten“, erklärt der Sänger dazu. „Die Tendenz ist steigend. Auf jede geräumte Mine kommen 20 neu gelegte Minen.“

Hannes Wader bleibt mutig und wird zugleich milder

„Ich finde es gut, dass er den Mut hat, diese Themen zu benennen“, betont eine Zuschauerin in der Pause. „Man müsste das viel mehr unterstützen. Wer seine Texte hört, lebt nicht mehr so gedankenlos in den Tag.“ Hannes Waders Ironie über seine eigene Entwicklung findet sie sympathisch, seine Liedtexte sprechen sie an. „Die Gitarrenbegleitung passt gut dazu.“ Ein anderer Zuschauer, der selbst Gitarre spielt und Wader-Lieder dazu singt, hat sich ganz nach vorn gesetzt. „Ich möchte Wader von Nahem sehen, mich interessiert es, wie er greift. Ich kenne fast alle seine Lieder und ich schätze seine sozialkritischen Texte. Ich habe allerdings das Gefühl, dass er mit den Jahren etwas ‚altersmilde’ wird.“

Nach der Pause geht es weiter mit alten und neuen Liedern, mit Kindheitserinnerungen und Entstehungsgeschichten zu seinen Liedern. Er singt das Interbrigaden-Lied von 1936 „Mama Tamia“, und ein von Franz Josef Degenhardt vertontes Louis-Fürnberg-Gedicht „Jeder Traum“: „Ja, ich hab mein Schicksal längst beschlossen, als ich mich zum Widerspruch entschied. Wenn ich singe, Freunde und Genossen, gehen unsere Träume durch mein Lied.“ Sein Lied „Trotz alledem“ hat er mit neuen Strophen zum Thema „Neoliberalismus“ versehen. „Ich habe das Lied vor der Finanz- und Wirtschaftskrise geschrieben, aber ich glaube, ich habe schon etwas geahnt.“ Als er sich verabschieden will, erzwingt das begeisterte Publikum mit immer wieder lang anhaltendem Applaus noch zwei Zugaben, die die Herzen der eingefleischten Wader-Fans noch höher schlagen lassen: „Bin auf meinem Weg, schon so lang …“, und „Leben einzeln und frei wie ein Baum und dabei brüderlich wie ein Wald, diese Sehnsucht ist alt. Sie gibt uns Halt in unserem Kampf gegen die Dummheit, den Haß, die Gewalt …“ Mit einem letzten plattdeutschen Lied klingt das Wader-Gastpiel in Kiedrich schließlich aus.

Er hat ein offenes Ohr für seine Fans

Einige Fans warten noch vor der Bühne auf ihn. Hannes Wader setzt sich auf den Bühnenrand, signiert Autogrammkarten, Bücher, CDs und sogar alte Langspielplatten, die Fans mitgebracht haben. Er läßt sich in Gespräche verwickeln, hört aufmerksam zu, gibt Antwort, bis alle Wünsche abgehakt sind.

Auch zu einem kurzen Pressegespräch erklärt er sich noch bereit, und er hört es gern, dass seine Stimme noch den vollen Klang hat. „Ich singe jeden Tag, es macht mir Freude. Auch wenn ich nicht auf Tournee bin, zwitschere ich zu Hause “, erklärt er. „Singen vertreibt das Leid, das ist ein jahrhundertealter Spruch.“ Singend das Leid vertreiben – ist das sein Anliegen, seine Botschaft? Er hält es für möglich. „Ich habe mich in meinen Liedern ganz stark aus dem Fenster gelehnt. Heute posaune ich es nicht mehr so ostentativ heraus. Ich bin älter geworden. Und ruhiger.“

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